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08.05.2020 / Iyyar - Sivan

Gedenken zum 75. Tag der Befreiung

Der 8. Mai mit dem Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus und dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ist für die jüdischen Gemeinden auf vieler Art und Weise ein besonderer Tag.

Rund um den 8. Mai 1945 wurden vielerorts die Konzentrationslager befreit, die das Ausmaß der Schoa erst sichtbar machten. Für die Überlebenden, die sich langsam wieder ins Leben zurückkämpften, oft als einzige Hinterbliebene ihrer Familien, war ein wiedererblühendes jüdisches Leben in Deutschland kaum vorstellbar. Und doch fanden sich bereits kurze Zeit später jüdische Menschen zusammen, die entweder als so genannte Displaced Persons in Deutschland geblieben sind oder bereits vor dem Krieg hier gelebt oder nun zurückgekehrt waren. Bald wurden erneut Jüdische Gemeinden gegründet und G’ttesdienste gehalten. Auch hier in Frankfurt hat der aus dem KZ Theresienstadt befreite letzte Rabbiner der Vorkriegs-Gemeinde, Rabbiner Leopold Neuhaus bereits kurz nach seiner Rückkehr wieder einen G’ttesdienst geleitet. Der Wunsch nach Zusammenhalt und Nähe und die Besinnung auf unsere Religion und unsere jüdischen Traditionen waren dabei gleichwohl Stütze und Ausdruck neuer Hoffnung.

Heute wird in den meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland der 8./9. Mai aber nicht nur aus der Sicht der „Befreiten“, sondern auch aus der Sicht der „Befreier“ begangen. Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie gehörten selbst damals zur Roten Armee und waren dem Kampf gegen Nazi-Deutschland verpflichtet. Als stolze Veteranen feiern sie heute und damit nun wir alle, als Jüdische Gemeinde, diesen Tag. Unsere jüdische Einheit ist heute geprägt von unserer jüdischen Vielfalt. Das Einbeziehen und das Würdigen aller Biographien unserer Gemeindemitglieder bedeuten daher für uns nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern stellen auch eine kulturelle Bereicherung dar.

Umso schmerzlicher ist es, dass sich heute wieder Antisemitismus in verschiedenen Formen und aus unterschiedlichen Ecken heraus in Deutschland verbreitet. Rechtes Gedankengut wird wieder offen ausgesprochen und ist sogar in den Landesparlamenten und im Bundestag vertreten. Hass und Hetze gegen Minderheiten scheinen wieder salonfähig geworden und die Mitte der Gesellschaft schon längst nach rechts gerückt zu sein. Diese Entwicklungen gefährden unsere demokratischen Errungenschaften, die unsere Bundesrepublik mühsam und durch die Lehren der Schoa erarbeitet hat.

Wir müssen handeln und uns nicht damit abfinden, wenn Parteien oder Gruppen unsere Gesellschaft spalten wollen. Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung von den Nationalsozialisten, ihre Ideologie allerdings überlebte noch immer in zu vielen Köpfen. Daher wollen wir diesen Tag auch dafür nutzen, um unsere Verpflichtung unseren demokratischen Werten gegenüber und unseren Einsatz gegen Antisemitismus, Rassismus und Geschichtsverzerrung zu bekräftigen. Dies ist eine historische Verantwortung, die wir alle als Gesamtgesellschaft tragen.

Am 75. Jahrestag gedenken wir all‘ derer, die für die Befreiung vom Nationalsozialismus ihr Leben ließen und ehren diejenigen, die dafür kämpften, dass wieder jüdisches Leben und eine Demokratie in Deutschland möglich wurden. Wir danken von ganzem Herzen allen Veteranen und wünschen Ihnen heute Gesundheit und Glück. Ihren Einsatz für die jüdische Gemeinschaft und die gesamte Welt werden wir nie vergessen.

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